Mittwoch, 12. Juni 2013

Adieu Hannover oder Wie ich einmal mit einer Stadt Schluss machte

I
Eigentlich wollte ich bleiben, aber ich wusste nicht wo.

Hannover, das war ne seltsame Sache mit uns. Eine Beziehung, die ich unbedingt führen wollte, aber du und ich, wir waren zu verschieden.
Die Basis hat nicht gestimmt. Obwohl ich extra für dich nach Niedersachsen zog, habe ich nicht genug Zeit mit dir verbracht, Hannover.
Ich habe nicht gedacht, dass wir daran scheitern würden.
Dass ich ne andere kennenlernen würde: Würzburg.
Deren Sandsteinbrücken weicher sind. Und der Wein besser. Die überhaupt Wein hat.
Die kein Ihmezentrum hat, aber nen blöderen Bahnhof.
Es tut mir leid, Hannover, ich mache Schluss. Ich hab dich geliebt und ich hab dich gehasst und am Ende hat es nicht gereicht.
Ich habe dich die ganze Zeit betrogen: ich war immer auf Reisen, immer in fremden Städten, weil fremde Strände sich besser anfühlen auf meiner Haut.
Ja, wir hatten schönen Zeiten. Wenn wir die Nächte in der Glocksee durchtanzten. Oder wenn ich auf dem Maschsee Schlittschuh lief. Oder wenn wir ins Theater gingen. Oder auf Konzerte. Oder aufs Bootboohook, das es nun nicht mehr gibt.
Nur irgendwann, irgendwann hat mir das alles nicht mehr gereicht. Ich wollte mehr. Anderes. Ich stehe dann doch mehr auf die südländischen Stadttypen.
Irgendwie hab ich dann doch nicht geglaubt, dass es was dauerhaftes ist, mit uns, Hannover. Tschuldi.

II
Eigentlich wollte ich einen Text schreiben, um weggehen zu können,
aber alles, was ich schrieb, war:

An den zenitenen Rändern der Stadt habe ich versucht, zu wohnen.
Ich habe versucht, mir eine Katze zum Freund zu nehmen und einen Garten zu bebauen.
Ich habe versucht, nicht so weit weg zu sein.
Ich habe versucht, immer wieder nach Hause zu kommen.
Ich habe versucht, hier zu bleiben.
Aber nach dieser kompletten Sommertraurigkeit, musste ich auf Abbruchhäuser klettern und Fotos schießen. Das Contigelände mit seinem illegalen Strand.
Die Augenblicke über der Stadt, in denen ich nicht mehr bemerkte, dass etwas fehlte.

III
Eigentlich wollte ich bleiben, aber ich musste fort.

Nachts zog es mich zur weißen Düne am Steinhuder Meer. Ich hätte gerne deine Hand gehalten, Hannover, aber dieses Beton fiel mir so schwer.
Ich hätte gerne mit einer handvoll Menschen und mehreren Flaschen Wein ein Mitternachtspicknick am Kanal gemacht, draußen bei den Ruderbootvereinen, bei den abgebrochenen Zelten der Gartenlaubensiedlungen.
Manchmal fragte ich nach dem Namen der Architektur, nach dem Namen des Flusses, nach der Richtung der Wege und der Musik, ich fragte dich nach Zeit und Zielen, ich bekam keine Antwort, ich blieb stumm am Kanal und sagte Gedichte in den rostigen Fluss.
Ich glaube, du hast zu selten meine Hand gehalten. Wir schliefen nebeneinander und die Stadt berührte mich nicht.

IV
Eigentlich wollte ich schreiben, aber ich wusste nicht, an wen.

Meine Adressaten waren verschwunden, der Nachsendeantrag gestellt, die Fußabdrücke waren mir zu groß geworden, die Wege fremd, die Straßennamen sagten mir nichts, aber ich schwieg auch.
Es ist ein seltsames Gefühl, durch eine Stadt zu laufen, die einem schon nicht mehr gehört.
Straßenzüge zu verpassen, die ich nie wahrgenommen hatte, deren Abfahrtszeiten ich nicht begriffen hatte. Ich hatte die Sätze der Menschen falsch verstanden, ein geflüstertes „Bleib, aber geh.“. Zu merken, dass es nicht mehr reicht, was da war zwischen uns.
Und immer, wenn ich woanders war, vermisste ich dich weniger, als ich es mir gewünscht hätte.

V
Eigentlich wollte ich bleiben, aber ich wusste nicht, wo.

Am liebsten waren mir die Gewitternächte mit dir, Hannover.
Butterbrot und Pfefferminztee und deine Hand in meinem Nacken. Am liebsten war mir, wenn mich im Sommer jemand fragte, ob wir an der Faustwiese liegen und dort für eine Weile bleiben könnten. Wenn wir Club Mate tranken und Wodka und an den Kiosken die bunten Tüten verschlangen. Wenn unsere Zähne aneinander klebten und wir dich kaum küssen konnten, Hannover.
Wenn die Sonne hinterm Ihmezentrum unterging, obwohl das gar nicht die richtige Himmelsrichtung war.
Wenn Ninia fragte, ob ich mit ihr „Zurück in die Zukunft“ ansehen wolle, alle drei Teile, wenn wir danach mit Doc Brown an der Bismarckstraße auf die Ampelschaltung warteten.
Wenn Hannover leise flüserte: „Ich bin eine seltsame Stadt, aber ich bin nicht so schlimm, wie alle dachten.“

Und ja, Hannover, ich habe dich verteidigt! Ich habe die Menschen hierherbestellt, ich habe sie von Bahnhöfen abgeholt, von Autobahnraststätten, von Mitfahrgelegenheiten. Ich habe mich nicht für dich geschämt.
Ich habe die Menschen in mein Auto gestopft und das Rathaus hochgejagt, ich hab ihre Hunde in den Maschsee geschubst, ich habe Zuckerwatte gegessen und immer hat etwas gefehlt.
Ich habe dich gebeten, dich von deiner besten Seite zu zeigen und ich habe die Menschen gebeten, dich von deiner besten Seite zu sehen.
Nur mich selbst hab ich dabei vergessen.
Als hätte ich ein 5-Gänge-Menü gekocht aus genau den Lebensmitteln, die ich nicht mag.
Was ich hätte tun sollen?
Noch einen Anker mehr auswerfen. Noch ein paar Menschen mehr anrufen, noch ein paar Monate länger bleiben. Noch ein paar Fragen mehr stellen. Noch ein paar mal mehr sehr laut sehr viel schreien. Noch ein paar Mal mehr versuchen, etwas zu retten, Hannover.

VI
Eigentlich. Aber. Auch. Ach.

Und um es mit Goethe zu sagen:
„Wir irrten uns aneinander. Es war eine schöne Zeit.“

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